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Winner

MURDER and murder

Länge:
113 min.
Herstellungsjahr:
1996
Land:
USA
Regie:
Darsteller/Mitwirkende:
Joanna Merlin
Kathleen Chalfant
Catherine Kellner
Isa Thomas
Yvonne Rainer
Alice Playten
Kendal Thomas
Rod MacLachlan
Jennie Moreau
Sasha Martin
Barbara Haas
Rainn Wilson
Produktionsfirma:
MURDER and murder Production
Berlinale Sektion:
Forum
Berlinale Kategorie:
Essay Film
Teddy Award:
Best Documentary/ Essay Film

Mildred und Doris sind zwei weiße Frauen, die eine Mitte fünfzig, die andere Anfang sechzig, die zueinanderfinden und beschließen zusammenzuziehen. Mildred ist die jüngere von beiden; sie war ihr halbes Leben lang lesbisch und stammt aus besseren Kreisen. Sie lehrt als Professorin am Institut für Frauenforschung an einer großen Universität. Im Gegensatz zu ihr hat Doris nicht studiert, hatte nie einen festen Job oder ein regelmäßiges Einkommen; sie hat Flo, ihre inzwischen erwachsene Tochter, alleine großgezogen. Nun, wo sie versucht, eine Performance-Künstlerin zu werden, entdeckt sie zum erstenmal im Leben ihre Liebe zu einer Frau. Mildred kauft bei Barney's ein; Doris plündert Kataloge und Billigläden. Überwiegend aus der Perspektive von Doris erzählt, handelt der Film von der Freude, den Ungewißheiten und Zwiespältigkeiten in emotionalen Bindungen im fortgeschrittenen Alter und von lesbischer Identität in einer Kultur, die Jugend und heterosexuelle Romantik glorifiziert. Über den eingesprochenen Kommentar und das Auftauchen von drei weiteren Figuren entfaltet sich eine Parallelhandlung. Die Regisseurin selbst taucht gelegentlich im Film auf, um den Gang der Handlung durch die Asymmetrie ihres brustamputierten Oberkörpers und Fragen über die politische Dimension von Brustkrebs zu unterbrechen. Ihre Rolle entspricht genau der von Doris, der ebenfalls eine Brust amputiert wird. Jenny, die Mutter von Doris, und die junge Mildred, d.h. Mildred im Alter von achtzehn Jahren, sind Geister aus der Vergangenheit, die, unsichtbar für die Protagonisten, durch den Film spuken. MURDER AND MURDER setzt mit der Thematisierung von lesbischer Sexualität, weiblichem Altern und Brustkrebs eine unheilige Anordnung in Bewegung, in der sich gängige Mißverständnisse und medizinische Vorurteile über Krankheit spiegeln; dabei beschreibt der Film diese kulturell und wissenschaftlich bestimmten Vorstellungen und kritisiert sie gleichzeitig. Mit Humor, Slapstick, visuellen Metaphern, Dramatik, Zitaten, Kommentaren und Rainers charakteristischem Wechsel zwischen formalem und diskursivem Vorgehen werden die Vorstellungen von Pathologie nach und nach beschworen und demontiert. Manchmal unbequem, immer emotional mutig und intellektuell herausfordernd, ist MURDER AND MURDER zugleich Seifenoper, schwarze Komödie, Liebesgeschichte und politische Meditation.

The Purple Rose of Soho
Rainer ist die wichtigste Avantgarde-Filmemacherin seit Maya Deren... mehr noch: sie ist die einflußreichste amerikanische Avantgarde-Filmemacherin der vergangenen zwölf Jahre, mit einem Wirkungskreis von London über Berlin bis New York. Daß ihre Arbeit auf die von Godard und Brakhage, den beiden definitiv größten Filmemachern der letzten dreißig Jahre, bezogen ist, ist ein weiterer Beweis ihrer zentralen Bedeutung. Aber angesichts ihrer Leidenschaft für das Leben in der Gegenwart scheint es pervers, sie in die Avantgarde-Ecke zu stellen. Die Beziehung zwischen Psychodrama und den Filmen von Schauspieler-Autoren wie Charlie Chaplin oder Barbra Streisand ist ein völlig brachliegendes Forschungsthema. Nichtsdestotrotz ist es offensichtlich, daß Rainer vieles mit ihrem sich abrackernden Kollegen in den Weingärten urbaner Dekadenz, Woody Allen, gemeinsam hat.

Jim Hoberman, in: Village Voice, N e w York, 8. April 1986

(...) Es ist das erste Mal, daß die ehemalige Choreographin Yvonne Rainer - nachdem sie sich 1972 z um erstenmal in die Produktion von Experimentalfilmen gestürzt hatte - wirkliche Charaktere inszeniert, und zwar ohne ihre Radikalität oder ihren Sinn für Humor zu verlieren. Die Filmemacherin taucht hier, zerbrechlich und zweideutig, in einem Smoking auf und öffnet schließlich ihr Jacket, um die Stelle zu zeigen, an der ihr eine Brust amputiert wurde: eine wunderbare Geste, die, jenseits von Schamlosigkeit oder Pathos, beweist, daß Yvonne Rainer selbst in einem zugänglicheren Film Kino weiterhin an ihrem eigenen Körper festmacht, der schon immer, seit ihren Anfängen im Experimentalfilm, ein Skandalon war. Daß dieser vom Alter gezeichnete, vom Krebstod bedrohte Körper es wagt zu lieben, und auch noch jenseits aller Normen, das ist der konstruktive Skandal von MURDER AND MURDER.

Berenice Reynaud, in: Cahiers du cinema, Nr. 509, Paris 1996

FILMOGRAFIE Yvonne Rainer (Auswahl)

2010 !Women Art Revolution - A Secret History  1996 MURDER and murder 

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