Filme A bis Z

Winner

A Walk into the Sea: Danny Williams and the Warhol Factory

Länge:
75 min.
Herstellungsjahr:
2007
Land:
USA
Regie:
Darsteller/Mitwirkende:
Brigid Berlin
Billy Name
Gerard Malanga
Paul Morrissey
John Cale
Callie Angell
Albert Maysles
Nat Finkelstein
Julia Robinson
Nadia Williams
David Williams
Produktionsfirma:
thatgirl Media LLC., New York.
Berlinale Sektion:
Forum
Berlinale Kategorie:
Dokumentarfilm
Teddy Award:
Best Documentary/ Essay Film

Nadia besucht ihre Enkelin am Arbeitsplatz - der Warhol Foundation - und erzählt, dass ihr unter mysteriösen Umständen verschwundener Sohn Andys Lover gewesen sei und bei ihm gelebt habe. Von dem Moment an werden zwei Familiengeschichten zur Projektionsfläche: die einer bürgerlichen amerikanischen Familie und die wohl legendärste der Kunst: Warhols Factory. Mit Unterstützung von Callie Angell, Kuratorin des Andy Warhol Film Projects am Whitney Museum, gelingt es Esther B. Robinson, der Nichte des verschwundenen Danny Williams, eine Kiste 16mm-Filmmaterial im MoMA aufzuspüren, die mit seinem Namen beschriftet ist. Es öffnet sich eine Schatztruhe: Bilder aus der Factory, von Velvet Underground, bekannte Gesichter, in einer nie gesehenen Verschmelzung von Intimität und Glanz. Detektivisch macht sich Robinson auf Spurensuche. In Gesprächen mit Zeitgenossen und Familienmitgliedern, beim Betrachten der Filme, in der Recherche, wird vor allem eins deutlich: Familiengeschichtsschreibung ist ein amorphes Konglomerat von Erinnerungen, vorhandenen Bildern und der Distanz, die die Zeit geschaffen hat - nicht anders als Filmgeschichtsschreibung. Doch trotz der Unmöglichkeit, die eine Wahrheit zu erfassen, schält der Film eine ebenso einzigartige wie rätselhafte Künstlerbiografie heraus.

Stefanie Schulte Strathaus

Ausgeklammert aus der Geschichte
1965 war für Danny Williams ein Jahr voller Dynamik und Intensität: Er gab sein Studium an der Harvard Universität gegen den Willen seiner Familie auf und begann eine Karriere als Filmemacher in Manhattan. Zunächst übernahm er den Schnitt von zwei Filmen der Brüder Albert und David Maysles. Wenig später war er fester Bestandteil der ’Warhol Factory’, verliebte sich in Andy und lebte bald darauf in einer Wohnung, die dieser mit seiner Mutter teilte. Danny Williams drehte in diesem Jahr mehr als zwanzig Filme und entwarf die bahnbrechende Lightshow für Velvet Underground/Exploding Plastic Inevitable (EPI). Das Jahr 1966 war weitaus schwieriger für Danny. Kurz vor Beginn der EPI-Tour durch die USA trennte Andy sich von ihm. In den drei Monaten, die Danny auf Tour verbrachte, steigerte seine Abhängigkeit von Amphetaminen noch die düstere Verfassung, in der er sich ohnehin befand. Nachdem ein Kritiker in Variety ihn als den „führenden Kopf“ der EPI-Show bezeichnet hatte, beschuldigten mehrere Mitarbeiter der ’Warhol Factory’ Danny, sich auf Kosten Warhols zu profilieren, und begannen ihn immer stärker aus der ’Factory’ auszuschließen.

Nach Ende der EPI-Tour im Juli 1966 kehrte Danny zu seiner Familie nach Massachusetts zurück. Er brachte einen Karton mit zahlreichen Tagebüchern, die er unter dem Einfluss von Amphetaminen geschrieben hatte, mit Diagrammentwürfen für Lightshows und mit persönlichen Gegenständen sowie Briefen mit nach Hause. Außerdem ein Rasieretui voller Drogen. Nach einem Essen mit der Familie verließ er das Haus und fuhr im Wagen seiner Mutter davon. Er wurde nie wieder gesehen. Vierunddreißig Jahre später, kurz nach Beginn des neuen Jahrtausends, wurde Dannys Nichte, die Filmemacherin Esther B. Robinson, zur Programmchefin einer Stiftung ernannt, die finanziell von der ’Andy Warhol Foundation for the Arts’ getragen wurde. An einem Sommertag des Jahres 2000 besuchte Esthers Großmutter Nadia ihre Enkelin an ihrem neuen Arbeitsplatz. Beiläufig erwähnte Nadia, dass ihr Sohn, Danny Williams, einmal zusammen mit Warhol und dessen Mutter in einer Wohnung gelebt hatte, bevor er unter mysteriösen Umständen verschwunden war.

Verblüfftes Schweigen im ganzen Raum. Dann schlug man Esther vor, sich sofort mit Callie Angell in Verbindung zu setzen. Diese war im Rahmen der Archivierung des Warhol-Nachlasses im New Yorker Museum of Modern Art auf zwanzig stumme Experimentalfilme gestoßen. In diesen 16mm-Schwarzweißfilmen sah man Andy Warhol, Edie Sedgwick, Mitglieder von The Velvet Underground und andere bekannte Mitarbeiter Warhols. Von dessen eigenen Filmen unterschieden sich diese wiederentdeckten Filme eklatant: Sie folgten einer stilisierten Ästhetik und trugen eine sehr persönliche Handschrift – ganz offensichtlich stammten sie nicht von Warhol. Die Rollen, die den Schriftzug „Danny Williams“ trugen, waren, so Callie Angell, „absolut außergewöhnlich“. Esther hielt es für möglich, dass diese Filme der Schlüssel zum allzu kurzen Leben ihres Onkels waren, und bat das Museum of Modern Art, ihrer Familie die Filme zurückzugeben. Gleichzeitig begann sie, Recherchen über das Leben ihres Onkels in New York anzustellen. In den Büchern über die ’Warhol Factory’ der sechziger Jahre stieß sie nur selten auf den Namen ihres Onkels; umso ergiebiger war der Karton mit Dannys Entwürfen und Tagebüchern, den die Großmutter ihr übergab. Esther fand viel Material für kreative Entwürfe und über Machtkämpfe innerhalb der ’Warhol Factory’, und begann mit der Arbeit an einem Film über das letzte Jahr im Leben ihres Onkels. 
In Interviews mit Familienmitgliedern gelang es ihr, Details seines Verschwindens, seine komplexe Beziehung zu seiner Familie sowie deren unausgesprochene Ängste ans Licht zu bringen. Als das Museum of Modern Art Dannys Filme schließlich an die Familie zurückgab, übertrafen diese alle Erwartungen: Sie strahlten förmlich und waren ebenso persönlich wie aufschlussreich. Eine neue Frage stellte sich plötzlich: Warum hatte man dieses junge Talent aus der Geschichte der ’Warhol Factory’ ausgeklammert? Esther begann, nach den noch lebenden Mitarbeitern der ’Factory’ zu suchen und sie zu interviewen. Diese sehr persönlichen Gespräche gaben Aufschluss über die Mythen, die sich im Zusammenhang mit der legendären Gruppierung gebildet hatten, und zeigten die menschliche Fragilität, auf die das Imperium Andy Warhols gebaut war.

A WALK INTO THE SEA: DANNY WILLIAMS AND THE WARHOL FACTORY ist Esther B. Robinsons Versuch, die Hintergründe für das Verschwinden ihres Onkels und das Rätsel seines so tragisch kurzen Lebens zu erhellen. Der Film erzählt die Geschichte dieses außergewöhnlich talentierten jungen Mannes, der von zwei labilen Familien im Stich gelassen wurde: von seiner eigenen, die vor allem von Hierarchie und Tradition geprägt war, und von einer legendären Künstlerfamilie. Mit dieser filmischen Reise in die Tiefen familiärer Verstrickungen und verdrängter Erinnerungen erhalten wir Einblick in das Leben eines Mannes, der nicht zuletzt auch von der Geschichte vergessen war. 

Ein aufregendes Déjà-vu
Die Regisseurin über den Film
In jeder Familie gibt es ’Vermisste’: Angehörige, die aus der Familiengeschichte verdrängt wurden, deren Präsenz aber in Form von Fotoalben, Erinnerungen und Trauer ständig spürbar ist. Meine Großmutter hat meinen Onkel Danny nie erwähnt, aber auf ihrem Bücherregal gab es eine große Auswahl an Bänden über die ’Warhol Factory’. Wenn ich als Kind Bücher wie The Andy Warhol Diaries oder Edie: American Girl aufschlug, öffneten sie sich auf Seiten, auf denen Danny abgebildet war, oder ich entdeckte Unterstreichungen überall dort im Text, wo sein Name erwähnt wurde. Damals war ich besessen von diesen Büchern, in denen sporadisch Dannys Name auftauchte, während ansonsten über ihn geschwiegen wurde. Warum durfte ich keine Fragen über ihn stellen? Warum wendete meine Großmutter sich jedes Mal ab, wenn der Name Andy Warhol fiel? Als ich älter wurde, erkannte ich auch die anderen Personen auf den Fotos meines Onkels, und ich fragte mich, warum manche Leute berühmt und andere einfach vergessen werden. Warum werden bestimmte Geschichten erzählt und andere verschwiegen? Und wer war eigentlich dieser junge Mann auf den Schwarzweißfotos? Zwei Jahre, nachdem ich Dannys Filme aufgespürt hatte, weigerte sich das Museum of Modern Art immer noch, sie an unsere Familie zurückzugeben; auch ansehen durften wir sie nicht. In dieser Phase, in der ich mich im Kleinkrieg mit der Bürokratie des Museums befand, begann ich meine Großmutter über die näheren Umstände von Dannys Verschwinden zu interviewen. Niemand hatte vorher danach gefragt. Das war eine in gewisser Weise unheimliche, zwiespältige Erfahrung für mich: Wollte ich wirklich alles über die Verfehlungen von Menschen, die ich liebe, erfahren? Und wollte ich all diese Dinge veröffentlichen? Andererseits war ich von zahlreichen Details fasziniert: Davon, dass meine Großmutter mir auswich, wenn es darum ging, dass sie Danny trotz ihrer Liebe nie vollständig akzeptieren konnte; davon, dass ihr Blick dann unruhig wurde und sie, ohne es zu merken, anfing, mit den Papieren zu spielen. Ich war fasziniert von all den Details, die ich erfuhr, über ihre Liebe, über unsere Familie und über eine vergangene Ära. Regelrecht überwältigt von Gefühlen war ich, als wir die Filme endlich zurückbekamen. Als ich die Überspielung auf Video vorbereitete und überprüfte, ob die vierzig Jahre alten Klebestellen auch halten würden und ob es Beschädigungen des Materials gab, sah ich zum ersten Mal diese perfekt belichteten Einstellungen, in denen zum Beispiel Warhols Gesicht in einem kleinen Rechteck leuchtete. Das Ergebnis der Überspielung bestätigte meine Vermutung: Die perfekt erhaltenen Bilder verschlugen uns den Atem. Edie Sedgwick beispielsweise strahlt darauf in einer geradezu glühenden Intensität. Als ich zum ersten Mal ihre silbrig glänzenden Hände sah, die sich in tintenschwarzer Dunkelheit wie ein Floß im Wasser bewegen, überkam mich eine seltsame Beklemmung; mir wurde klar, dass diese Aufnahmen fast identisch waren mit meinen eigenen Einstellungen von den Händen meiner Großmutter. Es war ein aufregendes Déjà-vu, eine wie unter Zwang entstandene ästhetische Haltung mit jemandem zu teilen, den ich nie gekannt hatte. Diese Gemeinsamkeit unserer (Film-)Sprache, dieser Dialog ohne Worte, der uns miteinander verbindet, ist von symbolischer Bedeutung für diesen Dokumentarfilm. Schritt für Schritt, Einstellung für Einstellung, habe ich am Ende herausgefunden, was diesem jungen Filmemacher, meinem Onkel Danny Williams, zugestoßen ist. Esther B. Robinson 

Biofilmografie
Esther B. Robinson wurde am 27. September 1969 in Minneapolis, Minnesota, geboren. Sie studierte Film- und Fernsehproduktion an der New York University und Vergleichende Literaturgeschichte an der Tisch School of Arts. Sie ist Produzentin und Programmdirektorin. A WALK INTO THE SEA ist ihr erster Film als Regisseurin.  

Homepage zum Film (englisch)

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