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Ai no Mukidashi (愛のむきだし)

Länge:
237 min.
Herstellungsjahr:
2008
Land:
Japan
Regie:
Darsteller/Mitwirkende:
Takahiro Nishijima
Hikari Mitsushima
Sakura Ando
Onoue Hiroyuki
Yutaka Shimizu
Tasuku Nagaoka
Sou Hirosawa
Yuko Genkaku
Mami Nakamura
Makiko Watanabe
Atsuro Watabe
Produktionsfirma:
Omega Project Ltd
Berlinale Sektion:
Forum
Berlinale Kategorie:
Spielfilm

Yu besucht die Oberschule und lebt bei seinem Vater. Nach dem frühen Tod der Mutter hat sich Yus Vater entschlossen, katholischer Priester zu werden. Er ist sehr beliebt, und Vater und Sohn führen ein ruhiges, glückliches Leben. Eines Tages verliebt sich eine Frau namens Kaori in Yus Vater. Yu ist gegen die Verbindung, ihm missfällt das exzentrische Auftreten, mit dem Kaori sich in das friedliche Zusammenleben drängt. Weil aber Yus Vater Kaori nicht heiraten darf, verlässt sie ihn plötzlich wieder.
Der Vater ist völlig verzweifelt und lässt seinen Ärger an Yu aus, den er auffordert, von nun an jeden Tag zur Beichte zu kommen. Yu ist ein so artiger Junge, dass er sich schon bald Sünden ausdenken muss. Nur so kann er die Kommunikation mit dem Vater, die sich bald nur noch auf die Gespräche im Beichtstuhl beschränkt, aufrechterhalten. Irgendwann erkennt er, dass Sünden, die mit Sex zu tun haben, seinen Vater besonders verärgern. Er beginnt heimlich „Upskirt“-Fotos von jungen Mädchen zu machen, ohne dass diese etwas davon bemerken. Bei einer seiner Fototouren lernt er Yoko kennen und verliebt sich augenblicklich in sie.
Wenig später kehrt Kaori zurück und möchte die Beziehung zu Yus Vater erneut aufnehmen. Es kommt noch schlimmer: Yoko ist Kaoris Stieftochter. Yu und die Liebe seines Lebens, Yoko, müssen nun wie Bruder und Schwester unter einem Dach leben. Während dieser sonderbaren Vorgänge hat Koike, die Mitglied der religiösen Zero-Sekte ist, alles beobachtet. Sie hat ein Auge auf Yu geworfen und weiß von seinen Gefühlen für Yoko. So entschließt Koike sich, Yoko, Kaori und Yus Vater zu kidnappen und einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Sie hofft, dass Yu seiner Familie folgen und ebenfalls der Sekte beitreten wird. Doch der fällt auf diesen Trick nicht herein, sondern ist vielmehr bereit, alles zu tun, um die Liebe seines Lebens aus den Klauen der Zero-Sekte zu befreien.

„Liebe ist eine Erektion“

Wie kam es zu diesem Film?

Tatsächlich hatte ich einmal einen etwas sonderbaren Freund, dessen Hobby es war, heimlich Upskirt-Fotos von jungen Mädchen zu machen. Eines Tages zeigte er mir seine „Arbeit“: Es waren ausschließlich Fotos von Schülerinnen, die an einer Bushaltestelle warten. Auf seine Frage, was ich von den Fotos halten würde, wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ich dachte nur: „Was für ein Freak!“
Zur gleichen Zeit interessierte sich ein professioneller Upskirt-Fotograf für die Bilder meines Freundes. Er wurde schließlich zu einer charismatischen Figur dieser speziellen Fotoszene. Seine Bilder erregten Aufsehen, und seine Videos wurden mit unglaublichem Erfolg verkauft. Später erzählte er mir, dass seine jüngere Schwester einer Gehirnwäsche unterzogen worden war und nun einer Sekte angehören würde, und dass er große Schwierigkeiten hätte, sie zurückzuholen. Nach unglaublichen Anstrengungen sei ihm aber doch gelungen, wie er stolz erzählte, sie in diese Welt zurückzuholen. Ich hatte damals den Gedanken, dass seine Welt auch ziemlich verrückt ist, und habe diese sonderbare Geschichte niemals vergessen.

Fanden Sie die Geschichte schon damals geeignet als Stoff für einen Film?

Nein, absolut nicht. Die Arbeit am Drehbuch zu LOVE EXPOSURE - AI NO MUKIDASHI hat zweieinhalb Jahre gedauert. Ganz am Anfang gab es zu viele Absonderlichkeiten darin, und ich befürchtete, dass niemand sich so etwas anschauen würde. Deshalb habe ich viele andere Elemente in das Drehbuch aufgenommen, und es nahm mehr und mehr die Gestalt an, die es jetzt hat. Das Upskirt-Fotografieren junger Mädchen wurde zum zentralen Inhalt, den ich mit verschiedenen zusätzlichen Konfliktthemen versah: Kirchliches und Weltliches, Sex und Abstinenz, Christentum und religiöse Sekten. Ich wollte quasi selbst zum Freak werden, aber das ist mir nicht gelungen. In manchen Momenten sehen diese Leute so glücklich aus – und obwohl ich die gleichen Dinge tat wie sie, hat das für mich nicht funktioniert. In gewisser Weise habe ich sie um ihre Glücksgefühle beneidet.

Gibt es weitere Aspekte des Films, die auf wahren Begebenheiten beruhen?

Als ich nach Tokio kam, hatte ich weder eine Wohnung noch etwas zu essen, und ich war verzweifelt. In der Nähe eines Bahnhofs wurde ich von Angehörigen einer Sekte angesprochen. Meine Frage, ob ich etwas zu essen bekommen würde, wenn ich an Gott glaube, bejahten sie. Dann zerrten sie mich in ein Auto und brachten mich in eine Kirche, wo Leute lasen und putzten – genau wie ich es im Film zeige. Ich fühlte mich ausgesprochen fehl am Platz und ging sofort wieder. Auch diese Situation kommt in meinem Film vor.

Darin geht es unter anderem um die christliche Religion und um religiöse Sekten. Welchen Stellenwert hat Religion für Sie?

Ich interessiere mich mehr für Jesus Christus als für die christliche Religion an sich. Ich wollte schon immer einen Film über Jesus machen und habe deshalb überlegt, zum Christentum überzutreten – gewissermaßen um Mitglied in einer Art Jesus-Christus-Fanclub zu werden. In meinem Film kommt der christliche Glaube allerdings in Zusammenhang mit Sektenkult vor – meine Ansichten über diesen Glauben sind durchaus zwiespältig. Nicht alles daran entspricht meinen Vorstellungen; ich glaube zum Beispiel nicht, dass wir erlöst werden, nur weil wir den christlichen Glauben angenommen haben.

Sie haben diesen vierstündigen Film in drei Wochen gedreht.

Grundsätzlich drehen wir jede Szene vom Anfang bis zum Ende ohne Unterbrechung durch. So gehe ich bei Dreharbeiten immer vor. Ich drehe 30 Szenen am Tag. Vor Beginn der Dreharbeiten zu AI NO MUKIDASHI mieteten wir eine Turnhalle. Dort lasen wir immer wieder das Drehbuch und begannen mit den Proben. Im Laufe dieses Prozesses entwickelte ich eine Vorstellung davon, wie die Szenen später aussehen sollten. Irgendwann war ich mir dann so sicher, dass wir mit den Dreharbeiten anfangen konnten.
Ich kümmere mich nicht so sehr um das Licht. Wenn man beginnt, über Lichtsetzung nachzudenken, beschränkt man sich, was die Möglichkeiten der Kamerapositionierung angeht. Bei mir stehen die Kameras nicht an einem vorgegebenen Ort, sondern folgen den Bewegungen der Schauspieler. Wenn man das Spiel der Darsteller nicht einschränkt, denken sie sich innerhalb von einigen Tagen in die Rollen ein. Dann geht alles deutlich schneller, und die einzelnen Szenen kommen mit wenigen Anweisungen aus.
Anstatt über jeden einzelnen Schnitt nachzudenken, machen wir viele unterschiedliche Aufnahmen und drehen die gleiche Szene aus mehreren, manchmal bis zu 20 verschiedenen Perspektiven. So entstehen sehr lange Sequenzen, allerdings denke ich niemals: „Diese lange Szene sieht so toll aus, dass sie am besten ungeschnitten bleiben sollte!“ Die Atmosphäre während der Dreharbeiten ist immer sehr entspannt. Die Teamkollegen denken in solchen Momenten offenbar, ich sei nicht ernsthaft bei der Sache. Sie gewinnen den Eindruck, sie müssten selbst Verantwortung übernehmen; die positive Folge ist, dass sie Kampfgeist entwickeln.

Wie groß ist der Anteil an Improvisation bei den Dialogen?

Um die Wahrheit zu sagen: Wir improvisieren fast nie. Ich habe schon oft gehört, dass vieles improvisiert wirkt. Das liegt daran, dass wir die einzelnen Szenen so oft wiederholen, bis die Dialoge schließlich völlig natürlich erscheinen. Bei den Dreharbeiten gehen wir so vor, als würden wir ein Theaterstück abfilmen; auch die Nahaufnahmen stammen aus einer langen Sequenz, weshalb es natürlich wirkt.

Der Film enthält eine klare Aussage. Was möchten Sie den Zuschauern generell mit Ihren Filmen vermitteln?

Ich habe einmal eine Rezension über ein Buch von Dostojewski gelesen, die mir in Erinnerung geblieben ist. Dort hieß es, dass Dostojewskis Romane wenig über den Sinn, das Ziel oder die Themen des Lebens aussagen, sondern den Leser anregen wollen, das Leben an sich zu lieben. Ich habe ein Thema oder ein Ziel im Kopf, wenn ich an einem Film arbeite, aber abgesehen davon möchte ich vor allem, dass der Zuschauer den Film mag. Das ist mir das Wichtigste. Ich bin dagegen, die Fröhlichkeit oder den Humor einer bestimmten Szene zu opfern, um eine Aussage deutlicher zu machen. Während der Dreharbeiten lassen wir uns vom Thema des Films nicht einschränken, sondern entwickeln die Szenen so, wie sie uns in dem Moment am interessantesten erscheinen. Auch wenn sich dadurch die Richtung des Films verändert, darf man nicht verzagen, sondern muss weitermachen. Das ist mein Ansatz.
In Japan sagt man: „Kinder werden erwachsen, indem sie auf den Rücken ihres Vaters sehen.“ Man lernt nichts durch Vorträge. Wenn man jedoch sieht, wie der Vater sich verhält und auf diese Weise Teile seiner Lebensphilosophie nachvollziehen kann, vermittelt sich diese besser, als Worte es ausdrücken könnten. Mit Filmen verhält es sich meiner Meinung nach ebenso. Wenn ich etwas entwickele, das interessant ist und zugleich Spaß macht, habe ich mein Ziel erreicht. Es geht mir nicht darum, mit meinen Filmen eine bestimmte Welt zu kreieren. Ich habe keine besondere Vision. Wichtig ist, dass der Zuschauer den Film mag. AI NO MUKIDASHI endet glücklich, was aber nicht von vornherein feststand. Die Entscheidung für ein Happy End entstand aus der Überlegung heraus, welche Art von Ende zum Film passen würde bzw. welches Ende der Film erforderlich macht.
Es war mir wichtig, dass der Zuschauer nicht mehr weinen muss als absolut nötig. Auch im Drehbuch habe ich festgehalten, dass auf eine übermäßig emotionale Darstellung unbedingt verzichtet werden soll.

In AI NO MUKIDASHI wirken vielen Nachwuchsstars mit. Wie kam es dazu?

Ich finde es spannend zu beobachten, wie junge Schauspieler sich weiterentwickeln und entfalten. Takahiro hat eine gute Ausstrahlung. Man verzeiht es ihm, wenn er sich verkleidet oder heimlich Fotos macht. Hikari ist bereits in einer meiner Fernsehshow aufgetreten. Ich finde, sie hat einen interessanten Charakter. Junge Schauspieler verändern sich stark im Laufe der Dreharbeiten. Atsuro Watabe hat mich in diesem Zusammenhang am meisten beeindruckt. Sein Spiel war vollkommen natürlich.

Möchten Sie abschließend noch etwas über Ihren Film sagen?

LOVE EXPOSURE - AI NO MUKIDASHI wird oft missverstanden: Es ist weder ein freakiger Film noch ein Film über Freaks. Im Mittelpunkt des Film stehen ein Junge, der fälschlicherweise für einen Freak gehalten wird, und ein Mädchen, das fälschlicherweise annimmt, dass alle Männer Freaks sind. Der Film ist eine reine Liebesgeschichte. Es ist ein Film für all diejenigen, die andere Menschen als Freaks betrachten oder selbst für einen gehalten werden. Liebe wird hier nicht zur Schau gestellt („exposed love“), sondern nur gezeigt („love exposure“). Hätte der Titel „Exposed Love“ gelautet, dann stünden die Gefühle, um die es bei der Liebe geht, im Mittelpunkt des Films. „Love Exposure“ dagegen bezeichnet ein Objekt, das Objekt Liebe. Liebe ist eine Erektion, ein Blick unter den Rock, ein heimlich aufgenommenes Foto, eine Verfolgungsjagd, ein Kampf – die Liebe verändert in diesem Film unentwegt ihre Form. So betrachtet, geht es in dem Film auch um das Thema Unterhaltung, deren äußere Schale er zu durchbrechen und deren Kern er freizulegen versucht. Der Film dauert fast vier Stunden, die aber wie im Nu vergehen.
Quelle: Phantom Film

Wildes Potpourri

Sono Sions jüngster Film ist ein ungewöhnliches Meisterwerk, das innerhalb seiner Rahmenhandlung, einer epischen Liebesgeschichte, verschiedene Aspekte des heutigen Japans zu einem wilden Potpourri verarbeitet. Seine Fähigkeit, Chaos als Chaos darzustellen und gleichzeitig atemlose Unterhaltung zu bieten, ist bewundernswert.
In: Tokyo FilmEx Katalog, 2008

Das sich nahezu über vier Stunden erstreckende, bildgewaltige Epos AI NO MUKIDASHI erzählt auf provokative Art und Weise die Geschichte eines Heranwachsenden, dessen Leben sich nach dem Tod seiner Mutter radikal verändert. Sein Vater, der sich nach dem Tod seiner Frau verzweifelt in den katholischen Glauben gestürzt hat, übt dadurch auf seinen Sohn Yu enormen Druck aus. Als Yu nicht mehr weiß, welche Sünden er seinem Vater noch beichten kann, damit sich dieser zufrieden gibt, beginnt er nach Sünden zu suchen: Auf diese Weise landet er in einer Gruppe, die heimlich die Unterhosen ihrer ahnungslosen Besitzerinnen fotografiert. So begegnet er schließlich auch seiner angebeteten Maria, die sich allerdings als Männer hassende Unruhestifterin entpuppt...
Sono Sions Film STRANGE CIRCUS wurde 2006 ebenfalls in der Berlinale-Sektion Forum gezeigt.

BIOGRAFIE Sion Sono

Sono Sion wurde 1961 im japanischen Toyokawa, Präfektur Aichi, geboren. Mit 17 veröffentlichte er erste Gedichte. Bereits während seines Studiums an der Hosei Universität begann er 8mm-Filme zu dre- hen. 1985 drehte er seinen ersten abendfüllenden Film I am Sion Sono.

FILMOGRAFIE Sion Sono (Auswahl)

2008 Ai no Mukidashi (愛のむきだし)  2007 Ekusute/Hair Extensions  2006 Kikyu kurabu, sonogo  2005 Kimyo na sakes/Strange Circus  2005 Noriko no shokutaku/ Norikos' Dinner Table  2005 Yume no naka e/ Into a Dream  2005 Hazard  2002 Jisatsu saakuru/Suicide Club  2000 Utsushimi  1998 Dankon: The Man  1998 Kaze  1998 Keiko desu kedo   1993 Heya  1990 Jitensha took/Bicycle Sighs  1990 Kessen! Joshiryo tai Danshiryo  1985 I am Sion Sono  1985 Otako no hanamichi 

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