Über den Berg

Das Bergfest haben wir hinter uns, die Hälfte der 63. Berlinale ist vorbei. Aber das ist kein Grund zur Traurigkeit, denn das Glas ist nicht halbleer, sondern halbvoll – die Hälfte der Berlinale haben wir noch vor uns! Der in der Antike den Göttern vorbehalte rote Teppich wird weiterhin bevölkert von den Göttern der Moderne, den Göttern des Films. Stars und Sternchen, Regisseure und Produzenten, Filmmacher und Kamerafrauen – sie alle sind in der Hauptstadt und sonnen sich unter dem grauen Himmel über Berlin im Licht der Scheinwerfer und Blitzlichtgewitter. Und wer es bisher noch nicht ins Kino geschafft hat, sollte sich noch um Karten bemühen und sich  die diesjährigen TEDDY Filme nicht entgehen lassen. Heute haben wir für euch Klassiker aus Portugal und Deutschland, gentrifizierungskritisches aus New York und die Auslotung menschlicher Tiefen.

Auch für die legendäre TEDDY AWARD GALA solltet ihr euch noch schleunigst Karten holen, damit ihr nicht die bunteste Gala und die beste Party der Berlinale verpasst.

P.S.: Der TEDDY sagt Herzlichen Glückwunsch! nach Frankreich und Großbritannien - und wird den Kampf für gleiche Rechte weiter unterstützen!

 

Eine Last zu tragen

O PACOTE (THE PACKAGE): In seiner neuen Schule trifft Leandro den temperamentvollen Jefferson. Die beiden mögen sich auf Anhieb. Bald ist klar, dass sie mehr als nur Freundschaft verbinden wird. Aber Jefferson muss noch etwas loswerden, und leicht fällt ihm das nicht. Leandro fragt noch einmal nach, er hofft auf einen dummen Scherz. Doch Jeff sieht nicht so aus, als ob er scherzt. Wenn sie zusammen sein wollen, gehört etwas Unabänderliches zum Gesamtpaket: Jeff ist HIV-positiv.

Haus der Kulturen der Welt 2, 11.00 Uhr

The art is a lonely hunter

Bahman Mohassess war zur Zeit des Schahs ein bekannter Künstler. In Italien ausgebildet, schuf er in seiner Heimat Skulpturen und Bilder. Seine meist nackten Bronzefiguren mit deutlich betonten Phalli erregten Anstoß, und seine Werke wurden vielfach zensiert. Nach der Revolution verlor sich seine Spur, es hieß, er hätte seine restlichen Bilder selbst zerstört und sei verschwunden.

In FIFI AZ KHOSHALI ZOOZE MIKESHAD (FIFI HOWLS WITH HAPPINESS) Mitra Farahani, die ihre Karriere als Malerin begann, findet Mohassess in einem Hotel bei Rom. Ihr Interesse an seinem Leben schmeichelt dem alten Mann, der jedoch bald klare Vorstellungen davon hat, wie seine Worte und sein Leben illustriert werden sollen. Sein unerschütterlicher Humor ist indessen ansteckend, sein kritischer Geist fasziniert. Fast beiläufig werden seine Ansichten zu Kunst und Homosexualität zum Thema.

CineStar 7, 12.00 Uhr

 

 

Die Sexualität ist ein scheues Reh

 

Bambi wurde 1935 in einem kleinen algerischen Dorf unter dem Namen Jean-Pierre Pruvot geboren. Schon als Kind zog sie sich vor den Erwartungen ihrer Großfamilie zurück und suchte nach einem Weg, die Frau zu werden, die sie innerlich schon immer war. Eine Vorstellung des berühmten Cabarets Carrousel de Paris in Algier ermutigte sie in den Fünfzigerjahren, in die französische Hauptstadt auszuwandern und dort auf den Music-Hall-Bühnen unter dem Künstlernamen BAMBI das ersehnte Leben zu führen.

Eindrucksvoll sensibel dokumentieren Collagen von Fotos und Chansons, Archivbildern, Spielfilmauftritten, Super8-Szenen und eine Reise an die Orte ihrer Kindheit, Bambis befreiende Wandlung zu einer strahlenden transsexuellen Frau: ihre erste Liebe, die Freundschaft mit ihrer Künstlerkollegin Coccinelle, Experimente mit Hormonen, Rivalitäten und Skandale, ihr Weg zur Literatur - und die überraschende Begegnung mit der Liebe ihres Lebens.

CineStar 7, 14.30 Uhr

Durch den Monsun

TWO GIRLS AGAINST THE RAIN (ZWEI MÄDCHEN GEGEN DEN REGEN): Ein bezaubernder, Mut machender und berührender Film über ein lesbisches Paar in Kambodscha. Die beiden Frauen kennen und lieben sich seit der Zeit der Roten Khmer. Ihre tiefe Verbundenheit und Kraft hat alle Widerstände, auch die ihrer Familien, überwunden.

CineStar 7, 14.30 Uhr

Paul Bowles - THE CAGE DOOR IS ALWAYS OPEN

 

 

Dass PAUL BOWLES weniger bekannt ist als seine Autorenkollegen William S. Burroughs, Allen Ginsberg oder Jack Kerouac mag daran liegen, dass er sich nach einem Nomadenleben endgültig in Tanger niederließ. Hier lebte der homosexuelle Schriftsteller und Komponist fernab vom Literaturbetrieb. Seine strenge Sicht auf die Spezies Mensch sowie seine klare Ablehnung des jeweils herrschenden Zeitgeistes unterschieden ihn zeitlebens von den anderen Autoren der Beatgeneration.

CineStar 7, 17.00 Uhr

Gentrifizierung in New York

1989 mietete und renovierte Su Friedrich mit Freundinnen eine alte Industrieetage in Williamsburg, einem bescheidenen Brooklyner Arbeiterviertel. 2005 wurde das ehemalige Industriegebiet als reines Wohngebiet ausgewiesen. Die produzierenden Betriebe, Handwerker und Künstlerlofts wurden von Bauspekulanten verdrängt, die man mit Steuergeschenken angelockt hatte. Über fünf Jahre dokumentierte Friedrich den Wandel in der Gegend zwischen East River und Brooklyn-Queens Expressway mit ihrer Kamera.

Die Dokumentation GUT RENOVATION kleiner Veränderungen wird zu einem Stück Geschichtsschreibung in New York. Ein wehmütiger, essayistischer Abgesang auf ein Stadtviertel und einen Lebensstil, aber auch eine Fallstudie zur galoppierenden Gentrifizierung in den Städten.

Cubix 7, 17.30 Uhr

 

Ungemachte Betten

 

 

In CHEMI SABNIS NAKETSI (A FOLD IN MY BLANKET) unternimmt Dimitrij immer wieder einsame Kletterexkursionen. Er flieht vor der zermürbend surrealen Konformität der georgischen Kleinstadt. Als ein Fremder mit Namen Andrej auftaucht, überredet Dimitrij ihn, sich seinen Kletterausflügen anzuschließen. Immer enger zieht er den Mann in seinen Kosmos hinein. Dann ist Andrej verschwunden. Als Dimitrij alles verloren glaubt, folgt er, von seiner Fantasie getrieben, rätselhaften Spuren.

Atmosphärisch beklemmend zeigt Zaza Rusadze eine Kleinstadtgemeinde im Hamsterrad ihrer Gewohnheiten. Souverän und scheinbar beiläufig zeichnet er zugleich in magischen Bildern die Vorstellungswelt seines Protagonisten und legt dessen Gefühlslandschaft frei.

CineStar 3, 17.45 Uhr

Fado deluxe

GADO BRAVO: In Lissabon hat die deutsche Sängerin Nina unliebsame Bekanntschaft mit dem gefeierten Stierkämpfer Garrido gemacht, als der ihr nämlich durch sein bloßes Erscheinen im Nachtlokal die Schau stahl. Auf den Ländereien des Toreros, wo dieser Pferde- und Viehzucht betreibt, treffen sie sich wieder: Für Nina ist es Liebe auf den zweiten Blick. Doch sieht es lange so aus, als würde Garrido sie nicht erwidern. Denn eine einheimische Schöne hat dem Edelmann bereits ihr Herz geschenkt…

CinemaxX 8, 19.00 Uhr

 

Viktoria der Lenz ist da


VIKTOR UND VIKTORIA sind als Schauspieler und Sängerin »unvermittelbar«. Viktor immerhin bekommt Engagements als Damenimitator. Als er krank wird, springt Viktoria für ihn ein: Sie zieht sich Hosen an und spielt nun als Frau einen Mann, der eine Frau spielt. Bei einem Gastspiel in London reißen sich Männer wie Frauen um sie…

Indem die Protagonisten geschlechtliche Maßgaben zur Disposition stellen und nicht etwa wie ihre arbeitslosen Leidenskollegen nach staatlichen Maßnahmen verlangen, verwandelt sich die Krisenkomödie in eine Gender-Komödie.

Zeughauskino, 21.00 Uhr

Concussion

CONCUSSION: Abby ist 42, verheiratet, gut situiert, lesbisch, hat mit ihrer Frau zwei Kinder – ein echtes Familienidyll. Sie beginnt ein Renovierungsprojekt in der nahen Großstadt und verlässt schließlich nicht nur den aufgeräumten Vorort, sondern auch den vorgezeichneten Weg: Nachdem sie zweimal mit Prostituierten Sex gehabt hat, beginnt sie selbst für die vermutlich unwahrscheinlichste Zuhälterin der Filmgeschichte zu arbeiten - nur für Frauen, versteht sich.

New New Queer Cinema: die Frauen werden älter, die Themen erwachsener, aufgeräumter. Oder eben gerade doch nicht? Stacie Passons erster langer Spielfilm wurde von Rose Troche produziert, der Regisseurin von GO FISH, einem lesbischen Klassiker des New Queer Cinema und TEDDY-Gewinner 1994.

CinemaxX 7, 21.30 Uhr

 

 

Ein herz, ein schlag, ein blitz für die, die bei mir sind

 

 

Eine Clique versammelt sich in einem Landhaus, um ihre ganz eigene Trauerfeier für einen Freund abzuhalten, der sich umgebracht hat.

Nicht selten sind es extreme Situationen, die Menschen aus der Reserve locken. Hier führt der Selbstmord zu einer Art Auszeit, während eines Wochenendes denken diese jungen Menschen nicht mehr an das Morgen. Vielmehr ergeben sie sich ganz dem Moment, lassen den Gefühlen freien Lauf. Man tanzt, liebt, streitet, trinkt, geht spazieren oder legt sich schlafen. Aber man erinnert sich auch an den Toten. Er ist präsent in Gedanken und Gesprächen.

Man merkt dem Spielfilm ECHOLOT an, dass Athanasios Karanikolas zuvor als Dokumentarfilmer gearbeitet hat. Er beobachtet seine Darsteller mehr, als dass er sie inszeniert. So wechseln sich konzentrierte Augenblicke der Reflexion mit denen einer Trauer ab, die sich das Recht nimmt, ganz eigene Wege zu gehen.

Delphi Filmpalast, 21.30 Uhr

 

Kunst an der Copacabana

Der Film HÉLIO OITICICA (1937-1980) widmet sich einem der bedeutendsten brasilianischen Künstler des 20. Jahrhunderts und dem Onkel des Regisseurs der Produktion. Der Film verzichtet auf Kommentar und Interviews und lässt stattdessen in Film- und Tonarchivaufnahmen Oiticica selbst zu Wort kommen. Aus den Zeugnissen des Künstlers erfahren wir so etwas über Oiticicas künstlerische Entwicklung und seine umfassenden politischen und ästhetischen Interessen.

Entstanden ist so das gewagte und komplexe Porträt eines Künstlers, bei dem Arbeit und Leben (Homosexualität und Drogen eingeschlossen) einander bedingen und verwandeln.

Der Hamburger Bahnhof zeigt zudem Werke des Künslters.

CinemaxX 4, 22.00 Uhr

Ein kleiner schritt für einen Menschen...

1951 sucht die New Yorker Dichterin Elizabeth Bishop neue Inspiration für ihre Lyrik. Sie reist nach Rio de Janeiro und besucht dort ihre Studienfreundin Mary. Sie ist das ganze Gegenteil von Marys schneidiger Lebensgefährtin, der Architektin Lota de Macedo Soares. Deren anfängliche Ablehnung schlägt bald in offene Avancen um. Als sich Elizabeths geplante Abreise unerwartet verzögert, gibt sie Lotas Drängen nach. Mary ist eifersüchtig, aber die unkonventionelle Lota will um jeden Preis beide Frauen. Die Ménage-à-trois gerät aus dem Gleichgewicht, als Lota ihr größtes Werk beginnt, die Gestaltung des Parque do Flamengo in Rio.

Die Dreiecksgeschichte REACHING FOR THE MOON, befeuert durch einen zerstörerischen Alkoholkonsum, entspinnt sich vor dem Hintergrund des Militärputsches 1964. Bishops berührende Gedichte stehen im Zentrum; die so wichtige Phase im Leben der einflussreichen Lyrikerin und Pulitzer-Preisträgerin wird opulent illustriert.

CineStar Event, 22.00 Uhr

 

 

Queer Revolution

 

 

William Friedkins Film CRUISING sorgte 1980 nicht nur bei seiner Präsentation im Wettbewerb der Berlinale für heftige Kontroversen. Dem Film, in dem Al Pacino einen Undercover-Polizisten spielt, der in der schwulen Lederszene ermittelt, wurde von schwulen Aktivisten vorgeworfen, er schüre homophobe Stereotypen. Um eine Altersbeschränkung zu umgehen, wurde der Film außerdem um 40 womöglich zu explizite Minuten beschnitten. Der Oscar-nominierte Schauspieler James Franco hat es sich in Zusammenarbeit mit Travis Mathews zum Konzept gemacht, diese mittlerweile verschollenen und dadurch zum Mythos gewordenen 40 Minuten zu reinszenieren.

Im Grenzgebiet zwischen Realität und Fiktion erforscht INTERIOR LEATHER BAR die Mechanismen der Homophobie in Hollywood und hinterfragt gängige Klischees.

CineStar 3, 22.45 Uhr