Filme A bis Z

Leave It On The Floor

Länge:
106 min.
Herstellungsjahr:
2011
Land:
USA / Kanada
Regie:
Darsteller/Mitwirkende:
Ephraim Sykes
Miss Barbie-Q
Andre Myers
Phillip Evelyn II
Hailie Weaver
Dj Fatha Julz
Cameron Koa
Metra Dee
Lady Red Couture
Roxy Wood
Produktionsfirma:
LEAVE IT ON THE FLOOR LLC
Berlinale Sektion:
Panorama
Berlinale Kategorie:
Spielfilm

Als die Mutter des 22jährigen Brad Lyle entdeckt, dass ihr Sohn schwul ist, brandmarkt sie ihn als Loser und wirft ihn aus dem Haus. Der suizidgefährdete Brad driftet aus dem verschlafenen Vorort El Monte nach Downtown L.A. So wie Alice ihr Wunderland entdeckt, gerät Brad in die schillernde, vitale und absolut theatralische Welt der Ball-Voguing-Community. Eine queere Initiation: Zunächst erscheint ihm diese Gegenkultur unter dem Radar der etablierten Pop-Kultur fremd, bizarr und chaotisch. Brad weiß noch nichts von der bitter-süßen éducation sentimentale-érotique, die ihn hier erwartet – sein Weg zu Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz und Selbstliebe. Turbulente Irrungen und Wirrungen ergeben sich, als sexy Brad im „House of Eminence“ aufgenommen wird.
Dieses Musical-Update des 1991 mit dem TEDDY AWARD ausgezeichneten, dokumentarischen Ball-Klassikers PARIS IS BURNING von Jennie Livingston feiert mit fulminanter High Energy und elf Power-Songs die Kreativität, Imagination, Vitalität und Tapferkeit der aktuellen Ball-Community von L.A. und anderen urbanen Zentren der USA.

Interview mit Sheldon Larry
Wann hast du angefangen, dich für die Ball Culture zu interessieren, und wann kam dir die Idee, darüber einen Film zu machen?

Das war vor über zwanzig Jahren, als ich Jennie Livingstons Dokumentarfilm zum ersten Mal sah, der ja einen bemerkenswerten Blick auf die New Yorker Ball-Szene der späten 1980er warf. In den zwanzig Jahren danach hat sich diese Szene sehr verändert, aber niemand hat das Thema ein weiteres Mal aufgegriffen, weder in einem Dokumentar-, noch in einem Spielfilm. Deshalb denken ja auch die meisten, die diesen Film gesehen haben, dass es diese Szene längst nicht mehr gibt oder dass sie auf New York beschränkt war. Was nicht stimmt. Heute gibt es Ball-Szenen in mehr als 15 Großstädten. Als ich vor fünf Jahren anfing zu recherchieren, war ich von der Lebendigkeit der Szene sehr überrascht. Es kostete mich viel Zeit, einen Zugang zu finden und das Vertrauen der Mitglieder zu gewinnen, die natürlich jemandem von außen gegenüber sehr vorsichtig sind. Aber je mehr ich hineinkam, desto überwältigter war ich von den Menschen, den komplexen sozialen Strukturen und der Theatralität. Und dann fing ich Feuer für die Idee, hier einen Spielfilm anzusiedeln, mit Originalsongs, Choreographien und Performances. Ich hätte natürlich auch einen Dokumentarfilm machen können, aber ich fand es naheliegender, die Ausstrahlung der Szene mit einer fiktionalen Erzählung und einem zeitgenössischen Soundtrack zu verbinden, weil ja die Kraft der Vorstellung ihr überragendes Thema ist.

Woraus wurde die Geschichte entwickelt?

Glenn Gaylord und ich haben uns während unserer Recherche viele persönliche Geschichten aus der Szene angehört und schließlich die Figur eines schwulen 22-jährigen Afroamerikaners entwickelt, der sich in der Kleinstadt verloren fühlt und von seiner narzisstischen Mutter rausgeworfen wird, als sie von seiner Homosexualität erfährt. Obdachlos und selbstmordgefährdet stolpert er in L.A. auf einen Ball wie Alice im Wunderland in das Kaninchenloch. So wird er für den Zuschauer ein Führer durch diese fremde Welt, durch ihn lernen wir die bunt zusammengewürfelten Gruppen aus anderen „Waisen“ kennen, Verstoßenen und Flüchtlingen, dramatisch in Loyalitäten und Rivalitäten verstrickt, die monatlich in den Wettbewerben ausgetragen werden. Obwohl Brad ursprünglich nur auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf war, wird seine unfreiwillige Reise bald zu einem identifikatorischen Projekt, wie für viele der Ball-Culture-Mitglieder. Und die Welt, die ihm wie uns zunächst so fremd, merkwürdig, lächerlich, chaotisch, sexy, felliniesk erschien, wird nach und nach zu einem Ort der Freundschaft, Unterstützung, Liebe und Kontinuität. Das „House of Eminence“ (angelehnt an das historische „House of Prestige“) wird zu Brads unorthodoxer, aber funktionierender Ersatzfamilie, nachdem sich seine ursprüngliche als dysfunktional herausgestellt hat.

Wie funktionieren diese Bälle und Häuser eigentlich und wie präzise ist das in deinem Film dargestellt?

Das Wichtigste war, diese Welt zu feiern und dabei so wahrhaftig wie möglich zu bleiben. Die ‚Familien‘ haben Namen wie „House of Garçon“, „House of Chanel“ oder „House of Allure“, und die Jugendlichen treten gegeneinander während der monatlich veranstalteten Galas an, um Geld oder Trophäen zu gewinnen, die von den Häusern selbst gesponsert werden. Diese wilden, manchmal gewalttätigen und immer sexuell aufgeladenen Veranstaltungen haben ein Motto und bis zu 50 Wettbewerbskategorien, und sie fangen selten vor zwei Uhr morgens an. Die Musik ist entweder House oder Hiphop. Jugendliche, die in ein Haus aufgenommen werden, geben ihren Familiennamen ab und nehmen das Haus als Nachname an. Brad trifft im Film auf die zusammengewürfelte Truppe des „House of Eminence“. Seine Mitglieder nennen sich wie Familienangehörige „Eltern“, „Mutter“, „Sohn“, „Tochter“ und „Schwester“, um ihre Beziehungen untereinander auszudrücken. Die „Mama“ des Eminence House ist Queef Latina, ein Thirtysomething-Kraftwerk, deren legendärer Status sich auf historische Siege bei den Wettbewerben gründet. Queef führt ihr Haus wie ihre authentischen Vorbilder mit Liebe und Autorität, zeternd, beratend, besorgt um das Wohl ihrer Kinder. In unserem Film existiert tatsächlich ein Haus aus Ziegeln und Mörtel, eine Abbruchbude in einer miesen Wohngegend, in der der Clan untergekommen ist. Hier teilen sich einige von ihnen, die kein Zuhause mehr haben, zu mehreren die Schlafzimmer, passen aufeinander auf, bereiten die Bälle vor, proben die Choreographie und nähen ihre Kostüme. Man sieht drei verschiedene Bälle in dem Film. Die Laufsteg-Wettbewerbe haben Kategorien wie „Sexsirenen“ oder „Butch Queens“ für Drag-Performances, daneben gibt es noch Hunderte an „Realness“- Kategorien, in denen die Bewerber zeigen müssen, dass sie sich auch glaubhaft als „Normalmenschen“, als Wall-Street-Geschäftsmann im dreiteiligen Anzug oder als Oberschüler mit Rucksack, Baggy-Jeans und Schulbüchern ausgeben können. Darin liegt eine schmerzliche Sehnsucht, als „Ball Kid“ mit der richtigen Haltung und den richtigen Klamotten auch unauffällig in der normalen Welt aufgehen zu können.

Was bedeutet eigentlich „Vogueing“?

Auch da gibt es verschiedene Kategorien, die in LEAVE IT ON THE FLOOR gezeigt werden. Madonna hatte sich ja schon bei ihrem Video zu „Vogue“ bei den Tänzen und Choreographien der Ballroom-Szene bedient. Aber auch heutige Choreographen geben gerne zu, dass sie sich für ihre Arbeit z.B. mit Beyonce von den Bewegungen inspirieren lassen, die sie auf den Bällen sehen. Was Tanz angeht, sind diese Jugendlichen ebenfalls ganz vorne dabei – ihre Wettkämpfe bestehen aus Free-Style-Improvisationen, die Elemente aus Hiphop, Breakdance, Capoeira und Messerkampf frei kombinieren. Manchmal enden diese Abende aber auch tatsächlich in Kampfszenen, ich selbst habe erlebt, dass ein Ball abgebrochen werden musste, weil jemand eine Knarre zog. Ein Bewerber wurde ausgeschlossen, weil er sich aus Protest über eine in seinen Augen unfaire Jurywertung über deren Tisch warf. Daraufhin brach ein Streit zwischen rivalisierenden Häusern aus, die Knarre kam zum Vorschein und die Polizei stürmte die Halle. Einer der Bälle in unserem Film endet in einem ähnlichen Tumult.

Was hat dich an dieser Welt am meisten fasziniert und warum wolltest du ein Musical daraus machen?

Im Kern geht es bei der Ball Culture um Neuerfindung. Die Musik, die Kostüme, das Make-Up, die Frisuren, die Performances und Choreographien bieten den Jugendlichen die Chance, ihre Talente zu zeigen, sie helfen ihnen aber auch dabei, eine Form für ihr Anderssein und ihre Sehnsucht nach Veränderung zu finden. Um das noch deutlicher zu machen, sollten die Figuren in diesem Film singen, und zwar Songs, die für sie geschrieben wurden. Also habe ich einen kreativen Rahmen gesetzt für die Riesenmenge an Talent, das wir vorgefunden haben, aber auch für den Input unseres Teams – von Kollegen und Filmstudenten (aus allen Bereichen, von Kostüm bis Songwriting, Schauspiel bis Produktion). So bekam unsere Indieproduktion trotz des verschwindend kleinen Budgets eine eigene kreative Energie, die der Kreativität der Ballroom-Szene etwas hinzufügen konnte.

Was macht den Film so aktuell?

In den letzten zwanzig Jahren hat sich viel getan, was die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität angeht. Und vor allem in Los Angeles gibt es ein riesiges Interesse für bestimmte Aspekte der Popkultur, die mit Ruhm, Reichtum, Mode und Medien verbunden sind. Das greift die Sehnsüchte der Subkulturen auf, färbt aber auch auf diese ab – kein Wunder, dass die Namen der „Häuser“ auf Chanel, Allure, Klein oder Mizrahi anspielen. Andererseits sind sie selbst durch ihre innovativen Mode-, Musik- und Tanzstile zu Vorbildern geworden. Die avantgardistischen Kleider, mit denen Lady Gaga auf sich aufmerksam macht, könnten direkt aus einem Ballroom stammen. Und ein paar dieser Jugendlichen schaffen mittlerweile den Sprung in den Mainstream, als Tänzer oder Designer.

Schwuler Lifestyle ist heutzutage ja viel populärer und akzeptierter als zur Zeit von PARIS IS BURNING. Greift dein Film das auf?

Tragischerweise hat sich in vielen Aspekten gar nicht so viel verändert, was Ablehnung und gesellschaftliche Ächtung der Jugendlichen angeht, die man in der Szene trifft. Deshalb kann LEAVE IT ON THE FLOOR durchaus anschließen an das, worauf der Livingston-Film aufmerksam gemacht hat. Denn auch wenn sich die Gesellschaft insgesamt ändert, fällt doch auf, dass gerade die afroamerikanische Community mit ihrer Wertschätzung von Traditionen vergleichsweise konservativ und homophob geblieben ist. Der Film berührt das, was man den „Downlow-Lifestyle“ nennt, Doppelmoral, Rufmord, sozial angespannte Verhältnisse, unter denen Jugendliche besonders zu leiden haben. In Los Angeles beispielsweise leben fast 2000 afroamerikanische Jugendliche mit LGBT-Hintergrund auf der Straße, das sind mehr als doppelt so viele wie lesbische, schwule oder Trans*-Jugendliche weißer Herkunft. Die meisten Figuren in meinem Film wurden aus ihren Familien rausgeworfen oder sind vor Hass, Unterdrückung oder unwürdigen Lebensverhältnissen geflohen. Manche haben Missbrauch erfahren, andere wie Brad wurden so entmutigt, dass sie an Selbstmord dachten. Deshalb war mir die Szene in der Kirche so wichtig, in der nach einem tragischen Unfall Familienmitglieder und die Ersatzfamilie des „Hauses“ aufeinandertreffen und beide Seiten sich gegenseitig für den Tod eines Jugendlichen verantwortlich machen. Es scheint nach meinen Recherchen so, dass die afroamerikanische Community noch einiges nachzuholen hat, um auch andere Konzepte von Männlichkeit zu akzeptieren. Der Film betont deshalb (vielleicht auch zugespitzt und kontrovers) das Leid und den Schmerz, den fehlende Toleranz mit sich bringen.

Du hast angedeutet, dass das Team vor allem aus Studenten bestand...

Kein Mainstream-Studio und keine größere Produktionsfirma hätte Interesse daran gehabt, ein Ballroom-Musical zu finanzieren! Also musste ich einen Weg finden, mit wenig Geld viel Kreativität an das Projekt zu binden. Zu der Zeit war ich bereits drei Jahre lang Dozent beim Filmstudiengang der University of Southern California und hatte genug Talent und Energie einer neuen Generation von Darstellern und Filmemachern entdeckt, um den Film auf einer Basis flexibler Verträge und so kostengünstig wie möglich vorzubereiten. Die Schauspieler (alles Newcomer) und das Team aus Profis und Abschlussjahrgängen der Filmhochschule wurden bezahlt, ernährt und/oder auf Rückstellungsbasis engagiert. Zusammen haben wir alle Entscheidungen gemäß unserer finanziellen Möglichkeiten und kreativen Visionen getroffen. Und besser konnten die Studenten (genauso wie ich) nicht lernen, wie das Business funktioniert. Was wir damit aber hinbekommen haben, grenzt an nichts weniger als ein Wunder. Wo es eine Leidenschaft für einen Film gibt, da gibt es auch (mit der heutigen Technik und etwas Halsstarrigkeit) einen Weg. (Quelle: Sazgeber Presseheft)

BIOGRAFIE Sheldon Larry

Geboren in Kanada. Nach einem Abschluss in Politik erste Filmerfahrungen bei BBC-Dokumentationen über Lucchino Visconti, Pier Paolo Pasolini, Franco Zeffirelli, Noel Coward und Joe Orton. Mitarbeit bei „Monty Pythons Flying Circus“ sowie an Filmen von Tom Stoppard, Sam Shepherd und E.A. Whitehead. Zehn Jahre Theaterregisseur in New York. Sein Film AT THE END OF THE DAY wurde in Kanada mit dem Gemini Award ausgezeichnet. Lebt in Kanada, Los Angeles und New York. Unterrichtet an der School for Cinematic Arts der University of Southern California. 

FILMOGRAFIE Sheldon Larry (Auswahl)

2105 Dangerous Company  2011 Leave It On The Floor  2007 Christmas in Paradise (TV Movie)  2005 Recipe for a Perfect Christmas (TV Movie)  2004 Mein neues Leben (TV Movie)  2004 I Want to Marry Ryan Banks (TV Movie)  2000 Tödliche Freiheit (TV Movie)  2000 The Color of Love: Jacey's Story (TV Movie)  1999 Family of Cops (TV Movie)  1997 Kampf ums Überleben (TV Movie)  1994 Eingeschneit - Weihnachten im Schneesturm (TV Movie)  1994 Long Shadows (TV Movie)  1993 Family of Strangers (TV Movie)  1988 Hot Paint - Eine verdammt heiße Ware (TV Movie) 

IMDb - Sheldon Larry
Interview (eng.)
IMDb - Leave It on the Floor
Trailer auf Youtube ansehen

zurück zur Übersicht